Wann sollte man aufhören zu stillen?
Eine medizinische Obergrenze nennen die Fachstellen nicht; wann die Stillzeit endet, entscheidet ihr. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt, reifgeborene Babys bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend zu stillen, und eine Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten; die zugrunde liegenden Beobachtungsstudien bewertet sie als niedrige bis sehr niedrige Evidenz [6]. Die WHO empfiehlt, nach sechs Monaten ausschließlichen Stillens zusammen mit Beikost bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus weiterzustillen [9]. Das Netzwerk Gesund ins Leben und das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) halten fest, dass Mutter und Kind die Gesamtdauer bestimmen [5][1]. Mehr dazu im Ratgeber Wie lange stillen?.
Die S3-Leitlinie betont, dass Mütter weder für langes Stillen noch für frühes Abstillen stigmatisiert oder unter Druck gesetzt werden sollen [6]. Laut BIÖG sind Zahnen, die Regelblutung oder die Rückkehr in den Beruf keine zwingenden Gründe zum Abstillen. Bist du krank oder brauchst du Medikamente, lass das ärztlich klären; meist kann weitergestillt werden [1]. Zur Stillverträglichkeit von Arzneimitteln informiert Embryotox [7].
So stillst du schrittweise ab
Fachstellen raten, eine Stillmahlzeit nach der anderen wegzulassen: Du wählst eine Mahlzeit, die in eurem Alltag am leichtesten wegfällt, wartest einige Tage und lässt die nächste erst weg, wenn sich deine Brust wieder angenehm anfühlt [2][3][4]. Studien zum besten Tempo gibt es nicht; das sind Empfehlungen von Kliniken und Verbänden (nur Hinweise). Manche Mütter behalten die Nachtmahlzeit am längsten [3].
- Eine Mahlzeit weglassen Wähle eine Stillmahlzeit, die im Alltag am leichtesten wegfällt.
- Einige Tage warten Die nächste erst weglassen, wenn sich die Brust wieder angenehm anfühlt; bei Spannung nur etwas Milch ausstreichen.
- Nächste Mahlzeit Dann die nächste Mahlzeit weglassen; manche behalten die Nachtmahlzeit am längsten.
- Auf Warnzeichen achten Bei Rötung, Schmerz oder Fieber Hebamme oder Ärztin fragen.
Schnelles Abstillen kann das Risiko für eine Brustdrüsenschwellung und eine Brustentzündung erhöhen [10][2]. Spannt die Brust zwischen den verbliebenen Mahlzeiten, streichst du nur so viel Milch von Hand aus oder pumpst so viel ab, bis es sich angenehm anfühlt – entlasten, nicht leeren [1][2][4]. Klinikinformationen erklären das so: Je mehr Milch entnommen wird, desto mehr bildet die Brust meist nach [27].
Ging es für dich oder dein Kind zu schnell, kannst du laut der Australian Breastfeeding Association (ABA) wieder mehr Stillmahlzeiten anbieten [4]. Wie du eine Mahlzeit ersetzt, hängt vom Alter deines Kindes ab; das klärst du mit Kinderärztin, Hebamme oder Stillberatung. Das BIÖG rät, deinem Kind in der Abstillphase mehr Zuwendung, Spiel und Körperkontakt zu geben [1].
Nachts abstillen: wann und wie?
Ein „richtiges“ Alter für das nächtliche Abstillen ist nicht belegt. Die australische Familien-Ratgeberseite Raising Children Network nennt es für gesunde gestillte Kinder ab 12 Monaten als Möglichkeit und betont: Wenn das nächtliche Stillen für dich passt, gibt es keine Eile [11][12].
Stillverbände und die Ratgeberseite beschreiben ein schrittweises Vorgehen: nächtliche Stillmahlzeiten verkürzen, dein Kind trinken lassen, es aber lösen, bevor es an der Brust einschläft, und es dann auf andere Weise beruhigen [8][11]. Beim Aufwachen kann eine zweite Bezugsperson übernehmen, etwa mit Kuscheln, etwas Wasser, einer aufgelegten Hand oder leisem Sprechen [8][11]. Ist dein Kind sehr verzweifelt, rät die Seite zu einer Pause [11]. Wie viele Nächte eine Umstellung braucht, ist nicht untersucht; Raising Children Network nennt als Erfahrungswert etwa 5 bis 7 Nächte [11].
Zahngesundheit: In Beobachtungsstudien war Stillen über 12 Monate hinaus, besonders nachts oder häufig, mit mehr Karies verbunden. Ob das Stillen die Ursache ist, ist offen, weil Zucker und Zahnpflege kaum berücksichtigt wurden (Metaanalyse und Übersichtsarbeit) [13][14]. Die Kinderzahnmedizin empfiehlt in ihrem Sondervotum zur S3-Leitlinie, ab dem ersten Zahn mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta zu putzen [6].
Sicherer Schlaf: Im ersten Lebensjahr empfehlen Leitlinie und BIÖG die Rückenlage auf einer festen Unterlage; das Familienbett ist laut BIÖG mit einem erhöhten Risiko für den Plötzlichen Säuglingstod verbunden [15][16].
Was ist die Gordon-Methode?
Die Gordon-Methode ist ein Erfahrungskonzept des US-Kinderarztes Jay Gordon für das nächtliche Abstillen, das er auf seiner Website beschreibt [17]. Studien dazu gibt es nicht; ob und wie gut sie wirkt, ist nicht untersucht (nicht belegt). Gordon schreibt selbst, dass sein Plan nicht für das erste Lebensjahr gedacht ist [17].
Ablauf nach seiner Beschreibung [17]:
- Zuerst legt ihr ein festes Zeitfenster von sieben Stunden fest, er nennt etwa 23 bis 6 Uhr.
- Nächte 1 bis 3: Wacht dein Kind in diesem Fenster auf, stillst du kurz, aber nicht in den Schlaf; danach legst du es wach hin und beruhigst es mit Streicheln.
- Nächte 4 bis 6: Im Zeitfenster wird nicht mehr gestillt; du nimmst dein Kind kurz zum Kuscheln hoch und legst es wach wieder hin.
- Nächte 7 bis 10: Du nimmst es nicht mehr hoch, bleibst aber bei ihm, berührst es und sprichst beruhigend.
Danach rechnet Gordon mit etwa drei bis vier weiteren Nächten, manchmal einer Woche oder länger – eine Erfahrungsangabe, nicht untersucht [17]. Er schreibt, dass es selten schnell geht und ein paar Nächte laut und herzzerreißend sein können. Fühlt es sich für dich falsch an, rät er, aufzuhören, einige Monate zu warten und neu zu beginnen [17]. Ein Erfolgsversprechen lässt sich daraus nicht ableiten; ob dieser Weg zu euch passt, entscheidet ihr.
Einschlafstillen abgewöhnen – auch mit zwei Jahren
Ein Mindest- oder Idealalter dafür gibt es nicht, und Studien zum Abgewöhnen des Einschlafstillens fehlen (nicht belegt). Die ABA beschreibt für Kleinkinder ein behutsames Vorgehen [8]:
- dein Kind vorbereiten, etwa im Gespräch oder mit einem Bilderbuch,
- den Abstand zwischen der letzten Stillmahlzeit und dem Einschlafen schrittweise vergrößern,
- eine neue Einschlafroutine ohne Stillen aufbauen, zum Beispiel mit Singen, Schaukeln, Vorlesen oder Streicheln,
- Stillmahlzeiten beenden, bevor dein Kind einschläft,
- als flexible Variante „nicht anbieten, nicht ablehnen“: Du bietest die Brust nicht mehr von dir aus an, lehnst sie aber auch nicht ab, wenn dein Kind danach fragt.
Laut ABA ist es normal, dass das Abstillen bei Kleinkindern mehrere Monate dauert [8]. Manchmal reicht es schon, Grenzen zu setzen, wann und wie gestillt wird, um sich wieder entspannter zu fühlen [18]. Ist dein Kind noch nicht so weit, schlägt die ABA vor, zu schauen, was dir das Stillen gerade schwer macht – etwa bestimmte Zeiten, Druck von außen oder wenig Schlaf [8].
Werden die Nächte durch Abstillen besser?
Das ist nicht untersucht: Es gibt keine Studie, die das Abstillen mit dem späteren Schlaf desselben Kindes vergleicht. Beobachtungsstudien vergleichen gestillte und nicht gestillte Kinder, und ihre Ergebnisse sind uneinheitlich (nur Hinweise):
- Ein systematischer Review mit 35 Arbeiten fand, dass gestillte Babys nachts meist häufiger aufwachen; die Gesamtschlafzeit unterschied sich nicht, ebenso wenig der Schlaf der Mütter [19].
- In einer kanadischen Studie mit 444 Kindern hatten gestillte Kinder mit 6 und 12 Monaten kürzere zusammenhängende Schlafphasen, mit 24 und 36 Monaten nicht mehr [20].
- In einer norwegischen Kohorte mit über 55.000 Mutterberichten war das Teilen des Bettes ein eigenständiger Faktor für häufigeres Aufwachen; Stillen hing nur mit gleichzeitigem, nicht mit späterem Aufwachen zusammen [21].
- Bei 155 Erstgebärenden hing weniger Schlaf der Mutter mit der Zahl der nächtlichen Mahlzeiten zusammen, nicht mit dem Stillen an sich [22].
Auch abgestillte Kleinkinder wachen nachts auf und brauchen Trost [23]. Manche Familien erleben nach dem Abstillen ruhigere Nächte, bei anderen wacht das Kind weiter auf.
In welchem Alter stillen sich Kinder selbst ab?
Ein typisches Alter für das Selbstabstillen ist nicht belegt; repräsentative Daten dazu gibt es nicht, und die Spanne ist groß:
- In 113 nichtindustriellen Bevölkerungen lag die mittlere Stilldauer bei 29 ± 10 Monaten [24]; für Gesellschaften mit natürlicher Fertilität wird im Mittel etwa 2,5 Jahre genannt [25]. Das sind Mittelwerte der Stilldauer, keine Daten zum Selbstabstillen.
- In einer US-Stichprobe von 179 Frauen, die bewusst lange stillten, lag das Abstillalter im Mittel bei zweieinhalb bis drei Jahren; die meisten beschrieben das Abstillen als schrittweise und vom Kind ausgehend [26]. Diese Gruppe ist nicht repräsentativ.
Mittelwerte sind keine Norm für dein Kind. Lehnt ein Baby die Brust plötzlich ab, ist das laut La Leche League eher ein Stillstreik als ein Zeichen, dass es abgestillt werden möchte [18]; Studien dazu gibt es nicht.
Milcheinschuss und Spannen: was hilft beim Abstillen?
Was Fachquellen empfehlen, hängt von der Situation ab; ob die Maßnahmen besser wirken als Abwarten, ist nicht untersucht.
Du stillst nach der Geburt nicht: Die Milchmenge steigt einige Tage nach der Geburt trotzdem an [2]. Die Schwellung tritt oft 3 bis 4 Tage nach der Geburt auf und kann etwa 48 Stunden anhalten [27]. Klinikinformationen nennen einen gut sitzenden, stützenden BH, Kühlen (Kühlpack in ein Tuch gewickelt, etwa 20 Minuten), keine Wärme und nur so viel Ausstreichen von Hand, bis es sich angenehm anfühlt [2][27]. Ein Cochrane-Review (62 Studien, 6.428 Frauen) fand keine Studie, die solche Maßnahmen mit Abwarten verglich [28]. Bei starken Beschwerden hilft deine Hebamme weiter [27].
Du stillst schrittweise ab: Hier gilt die Regel von oben: Brust nur entlasten und die nächste Mahlzeit erst weglassen, wenn es sich wieder angenehm anfühlt [1][2][4].
Hausmittel: Kalte Kohlblätter linderten in einer Studie mit 152 Frauen den Schmerz bei Brustdrüsenschwellung etwas; die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses ist sehr niedrig [29]. Salbei- und Pfefferminztee gelten als Hausmittel zum Abstillen, Studien zur Wirkung auf die Milchmenge beim Menschen gibt es aber nicht (nicht belegt); für Salbei fehlen auch Sicherheitsdaten für die Stillzeit [30][31][32]. Zu Abstilltabletten frag deine Ärztin oder Apotheke; Informationen zur Stillverträglichkeit von Arzneimitteln bietet Embryotox [7].
Warnzeichen: Rötung, Schmerz, Fieber oder grippeähnliche Beschwerden können auf eine Brustentzündung hindeuten. Werden sie nicht rasch besser, melde dich bei deiner Hebamme oder Ärztin; im Notfall wähle 112 [2][33][34]. Mehr im Ratgeber Milchstau.
Wie lange dauert es, bis die Milch weg ist?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Beim allmählichen Abstillen geht die Milch langsam zurück; bis sie ganz versiegt, kann es Tage oder Wochen dauern, und einzelne Tropfen können noch eine Zeit lang austreten [1][10][2]. Übersichtsarbeiten aus der Hausarztmedizin widersprechen sich: Die Milch sei meist nach einem Monat weg [36], sie könne bis zu zwei Jahre gebildet werden [37], milchiger Ausfluss innerhalb eines Jahres nach dem Abstillen sei meist normal [35].
Das Drüsengewebe bildet sich rasch zurück: In einer Gewebestudie mit 112 Frauen war es ab drei Monaten nach dem Abstillen unter dem Mikroskop nicht mehr von einer Brust ohne Schwangerschaft zu unterscheiden [38]. Wie lange noch Tropfen austreten, sagt diese Studie nicht.
Ausfluss aus nur einem Milchgang, blutiger Ausfluss oder ein tastbarer Knoten gehören ärztlich abgeklärt [36].
Gefühle nach dem Abstillen
Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder ein Gefühl von Verlust nach der letzten Stillmahlzeit beschreiben Stillverbände und Kliniken als häufig; die Hormone brauchen etwas Zeit, um sich umzustellen [4][8][2]. Ein eigener Fachbegriff oder eine Diagnose wie „Abstill-Blues“ ist nicht belegt.
In einer norwegischen Studie mit 42.225 Frauen hing Abstillen in den ersten sechs Monaten nach der Geburt mit mehr Angst- und Depressionssymptomen zusammen – in beide Richtungen: Frauen mit hohen Werten schon in der Schwangerschaft stillten auch früher ab [39]. Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht trennen.
Hält die Niedergeschlagenheit an oder belasten dich Ängste, sprich mit deiner Hebamme, deiner Haus- oder Frauenärztin oder einer Stillberatung [4][2]. In einer akuten Krise erreichst du den Notruf unter 112.
Quellen
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), kindergesundheit-info.de: Abstillen. Stand ca. 2026.
- NSW Health, South Eastern Sydney Local Health District, Royal Hospital for Women: Weaning or Suppressing Lactation. Patienteninformation, Juni 2021.
- NHS (England): Stopping breastfeeding (How to stop breastfeeding). nhs.uk, Seite zuletzt geprüft 16.03.2023, nächste Prüfung war für 16.03.2026 vorgesehen.
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- DGKJ, DGGG, DGHWi u. a. (Koord. Ensenauer R, Abou-Dakn M, Grylka S): S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung, Langfassung, Version 1.0. AWMF-Register Nr. 027-072
- Embryotox - Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin.
- Australian Breastfeeding Association (ABA): Weaning your toddler or child. breastfeeding.asn.au, © Dezember 2025.
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- The Sydney Children’s Hospitals Network (SCHN): Weaning (Faktenblatt). Zuletzt aktualisiert 22.04.2026.
- Raising Children Network (Australia), Review: Lael Ridgway (Maternal and Child Health Clinical Nurse Consultant): Night weaning (Babys, Seite zu ‚settling routines‘). Veröffentlicht 26.07.2024.
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Weitere Fragen
Wie beruhige ich mein Baby nachts ohne Brust?
Eine belegt beste Methode gibt es nicht. Stillverbände und eine australische Familien-Ratgeberseite nennen Kuscheln, etwas Wasser zu trinken, eine aufgelegte Hand und leises Sprechen; oft übernimmt eine zweite Bezugsperson das Beruhigen. Empfohlen wird auch eine neue, gleichbleibende Einschlafroutine ohne Stillen [8][11].
Muss ich bei einer Brustentzündung abstillen?
Nein. Eine Brustentzündung ist laut BIÖG kein Grund zum Abstillen [1]. Das Fachprotokoll der Academy of Breastfeeding Medicine rät, nach Bedarf weiterzustillen; die Milch ist für dein Baby unbedenklich [34]. Bei Fieber, Rötung und Schmerz, die nicht rasch besser werden, sprich mit Hebamme oder Ärztin. Mehr dazu im Ratgeber Milchstau.
Kann ich wieder mehr stillen, wenn es zu schnell ging?
Ja. Wenn es für deine Brust oder dein Kind zu schnell ging, kannst du laut der Australian Breastfeeding Association wieder mehr Stillmahlzeiten anbieten und später langsamer weitermachen [4].