Was empfehlen WHO und die deutsche Leitlinie?
Die WHO empfiehlt, Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und danach mit Beikost bis zum Alter von zwei Jahren oder länger weiterzustillen [1]. Die neue deutsche S3-Leitlinie zur Stilldauer (AWMF-Register 027-072, 2026) empfiehlt, bis zum Ende des sechsten Lebensmonats ausschließlich oder überwiegend zu stillen und insgesamt mindestens zwölf Monate [2]. „Überwiegend“ heißt laut Leitlinie: Neben Muttermilch sind Wasser oder Tee erlaubt [2]. Die WHO rät außerdem, so oft zu stillen, wie dein Kind möchte, tags wie nachts [1].
An der Leitlinie haben 25 stimmberechtigte Fachgesellschaften und Organisationen mitgewirkt [2]. Die erste Empfehlung hat den Empfehlungsgrad B bei 92 Prozent Konsens, die zweite den Grad A bei 88 Prozent [2]. Die Studien dahinter sind laut Leitlinie überwiegend Beobachtungsstudien; die Sicherheit der Belege stuft sie als niedrig bis sehr niedrig ein [2].
Einzelne Fachgesellschaften haben in Sondervoten widersprochen, etwa wegen der Studienlage oder des Kariesrisikos; das Netzwerk Gesund ins Leben und die Nationale Stillkommission formulieren „mindestens bis zum Beginn des 5. Monats ausschließlich“, die Gesamtdauer bestimmen Mutter und Kind [2][3][4].
Zur Einordnung: Die amerikanische Kinderärztevereinigung AAP empfiehlt, weiterzustillen, solange Mutter und Kind es wünschen, zwei Jahre oder länger; für den Anfang nennt sie etwa sechs Monate ausschließliches Stillen und liegt damit auf einer Linie mit der WHO [5]. In der Schweiz empfehlen die Fachgesellschaften für Pädiatrie und Ernährung, (4 bis) 6 Monate ausschließlich zu stillen und Beikost ab dem (5. bis) 7. Monat einzuführen [11]. Die Empfehlungen selbst sind also gut dokumentiert; der Nutzen bestimmter Stilldauern stützt sich aber auf Beobachtungsdaten und damit nur auf Hinweise [2].
| Institution / Quelle | Ausschließliches Stillen | Gesamtstilldauer |
|---|---|---|
| WHO [1] | 6 Monate ausschließlich | Bis 2 Jahre oder länger, mit Beikost |
| S3-Leitlinie (DE) [2] | Bis Ende des 6. Monats ausschließlich oder überwiegend | Mindestens 12 Monate insgesamt |
| Netzwerk Gesund ins Leben, Nationale Stillkommission [3][4] | Mindestens bis Beginn des 5. Monats | Bestimmen Mutter und Kind |
| AAP (USA) [5] | Etwa 6 Monate ausschließlich | Solange Mutter und Kind es wünschen, 2 Jahre oder länger |
| Schweizer Fachgesellschaften (SGP/SGE) [11] | (4 bis) 6 Monate ausschließlich | In der Quelle keine Angabe |
Wie lange sollte man wirklich stillen?
Eine einzige richtige Stilldauer für alle Familien ist nicht belegt [2]. Jede Stillzeit zählt, auch Teilstillen [3][2].
Für die ersten Monate gibt es einen Cochrane-Review mit 23 Studien: Babys, die sechs Monate ausschließlich gestillt wurden, hatten im Vergleich zu drei bis vier Monaten seltener Magen-Darm-Infekte und keine Nachteile beim Wachstum [6]. Einen Schutz vor Allergien oder Asthma fand der Review nicht; in Regionen mit häufigem Eisenmangel war der Blutstatus der Babys ohne zusätzliche Eisengabe möglicherweise schlechter [6]. Der Review betrifft die Dauer des ausschließlichen Stillens, nicht die Gesamtstilldauer.
Auch mit Beikost bleibt Muttermilch ein Teil der Ernährung: Nach WHO liefert sie zwischen 6 und 12 Monaten die Hälfte oder mehr, zwischen 12 und 24 Monaten etwa ein Drittel des Energiebedarfs [1].
Wie lange ihr stillt, hängt von eurer Situation ab: Beruf, Gesundheit und euer Wunsch zählen. Die S3-Leitlinie betont, dass niemand zum Stillen oder zum Abstillen gedrängt werden soll [2]. In der Schweizer Studie SWIFS nannten Mütter als häufigste Gründe fürs Abstillen zu wenig Milch, ein hungriges Baby, Erschöpfung und die Vereinbarkeit mit der Arbeit [11]. Für solche Fragen sind deine Hebamme, eine Stillberatung oder deine Kinderärztin gute Ansprechpersonen. Wenn ihr ans Aufhören denkt, findest du mehr im Ratgeber zum Abstillen.
Ab wann Beikost – und wird danach weitergestillt?
Die WHO rät zu Beikost ab sechs Monaten und daneben zum Weiterstillen [1]. Das Netzwerk Gesund ins Leben und die Nationale Stillkommission nennen ein Zeitfenster: frühestens mit Beginn des fünften, spätestens mit Beginn des siebten Monats, je nachdem, wie dein Kind gedeiht und ob es schon essen kann [3][4]. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kam 2019 zu dem Schluss, dass sich ein einzelnes richtiges Alter nicht festlegen lässt; die meisten Babys brauchen Beikost ab etwa sechs Monaten [7]. Die Schweizer Fachgesellschaften nennen den (5. bis) 7. Monat [11].
- Erste Monate Stillen nach Bedarf; WHO: 6 Monate ausschließlich, S3-Leitlinie: ausschließlich oder überwiegend [1, 2]
- Beginn 5. bis Beginn 7. Monat Beikost einführen, je nachdem, wie dein Kind gedeiht und ob es schon essen kann; WHO: ab 6 Monaten [1, 3, 4]
- Ab dem 1. Geburtstag Weiterstillen, solange ihr wollt; S3-Leitlinie: insgesamt mindestens 12 Monate, WHO: bis 2 Jahre oder länger [1, 2]
Beikost ersetzt das Stillen nicht von heute auf morgen. Mit der Zeit kommen aber vor allem Eisen, Zink und Calcium aus der Beikost [8] (Hinweis aus einer älteren Übersichtsarbeit). Wann dein Kind so weit ist, kannst du mit deiner Hebamme oder Kinderärztin besprechen.
Wie viele Mütter stillen nach 6 und 12 Monaten noch?
In Deutschland wurde laut KiGGS Welle 2 (Geburtsjahrgänge 2009 bis 2014) gut die Hälfte der Kinder mit sechs Monaten noch gestillt: je nach Jahrgang 53 bis 56 Prozent (jegliches Stillen; 2009/10: 54,5 %, 2011/12: 53,1 %, 2013/14: 55,9 %). Voll gestillt, also ausschließlich oder überwiegend, wurden zu diesem Zeitpunkt 11 bis 15 Prozent; ausschließlich gestillt waren mit sechs Monaten 12,5 Prozent (Geburtsjahrgänge 2012 bis 2016), im Mittel dauerte das ausschließliche Stillen 3,9 Monate [9]. Mit zwölf Monaten wurden rund 20 Prozent der Kinder gestillt, länger als zwölf Monate laut KiGGS etwa jedes sechste Kind (16,5 Prozent, Jahrgang 2013/14) [9].
Andere Studien kommen zu deutlich anderen Zahlen. In der Studie SuSe II (2017 bis 2019, 962 Mütter) stillten 57 Prozent vier Monate ausschließlich, 78 Prozent stillten mit sechs und 41 Prozent mit zwölf Monaten [10]. In der Schweiz wurden 2024 laut der Studie SWIFS 85 Prozent der Babys mit fünf bis sechs Monaten in den letzten 24 Stunden mindestens einmal gestillt [11]. Weltweit werden laut WHO rund 47 Prozent der Babys unter sechs Monaten ausschließlich gestillt [1].
Vergleichen lassen sich diese Zahlen nur eingeschränkt: Die Studien unterscheiden sich in Jahr, Methode und Stichprobe und darin, was als „Stillen“ zählt – ausschließlich, teilweise oder mindestens einmal am Tag. SuSe II wurde online erhoben und in Geburtskliniken rekrutiert [10], die Schweizer Stichprobe war besser gebildet als der Durchschnitt [11]. Das erklärt die Unterschiede wahrscheinlich zum Teil, belegt ist es nicht. KiGGS ist die repräsentative Studie für Deutschland [9].
Anteil der Kinder des Geburtsjahrgangs 2013/14 in KiGGS Welle 2; außer „voll gestillt“ (ausschließlich oder überwiegend) jegliches Stillen. Andere Studien wie SuSe II finden deutlich höhere Werte. Quelle: [9]
Wie viele Kinder werden mit 2 Jahren noch gestillt?
Für Deutschland gibt es dazu keine repräsentativen Zahlen (nicht belegt) [9][2]. Weltweit werden laut UNICEF und WHO 76 Prozent der Kinder mindestens ein Jahr gestillt, mit zwei Jahren noch 50 Prozent (Stand 2025) [12]. Der Wert gilt global, ist vor allem von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen geprägt und lässt sich nicht auf Deutschland übertragen. In Neuseeland wurden laut einer Auswertung der Gesundheitsdaten von über 100.000 Kindern 85 Prozent mit einem Monat und 12 Prozent mit 28 Monaten noch gestillt [13]. In der Schweiz wurden 2024 Babys ab zehn Monaten zu 53 Prozent mindestens einmal am Tag gestillt; die Erhebung endete mit zwölf Monaten [11].
Wie viele Kinder mit fünf Jahren noch gestillt werden, ist nirgends erfasst (nicht belegt).
Gibt es ein natürliches Abstillalter?
Ein festes natürliches Abstillalter ist nicht belegt. Es gibt nur Durchschnittswerte aus Beobachtungen: 29 ± 10 Monate in 113 nichtindustriellen Gesellschaften [14], etwa zweieinhalb Jahre in Gesellschaften mit natürlicher Fruchtbarkeit [15] und 20,8 Monate in einer Gemeinde in Mali (136 Kinder, Spanne 6 bis 32 Monate) [16]. Das sind ethnographische Daten, also nur Hinweise, und keine Vorgabe für Familien heute.
Aus Vergleichen mit anderen Primaten leiten manche Forschende die Hypothese ab, dass die „natürliche“ Stilldauer beim Menschen länger sein könnte [17]. Das ist eine Annahme, kein Messwert, und gemessene Durchschnittswerte liegen deutlich darunter [14][15][16]. Eine Auswertung argumentiert, dass Menschen im Vergleich zu Menschenaffen eher früh abstillen [15]. Feste Altersangaben für ein natürliches Abstillalter, wie sie im Netz kursieren, sind nicht belegt.
Auch ein „ältestes gestilltes Kind“ ist nicht belegt: Für Rekordangaben im Netz gibt es keine verlässliche Quelle. Und ein Durchschnittswert ist kein Höchstwert.
Ist es normal, mit 3, 4 oder 5 Jahren noch zu stillen?
„Normal“ ist keine medizinische Kategorie. WHO und AAP nennen keine Obergrenze fürs Stillen [1][5]. Wie häufig Kinder in diesem Alter gestillt werden, ist nicht erfasst (nicht belegt).
Frauen, die länger stillen, berichten in qualitativen Studien oft von Unverständnis und fehlender Unterstützung in ihrem Umfeld, aber auch von Nähe und davon, dass das Stillen ihr Kind beruhigt (eine Übersicht über 36 Studien und eine Befragung von 12 Frauen) [18][19]. Ob und wie lange ihr weiterstillt, entscheidet ihr als Familie.
Was passiert, wenn man sein Kind lange stillt?
Ab welchem Alter hat Stillen keinen Sinn mehr? Eine solche Altersgrenze nennen WHO und Fachgesellschaften nicht [1][5]. Muttermilch liefert auch im zweiten Lebensjahr Energie und Nährstoffe [1]. In einer kleinen Studie mit 19 Frauen blieben Eiweiß und Abwehrstoffe im zweiten Stilljahr in der Milch erhalten und nahmen zu, Zink und Calcium nahmen ab [20]; für den verbreiteten Mythos, die Milch werde irgendwann zu bloßem Wasser, gibt es keinen Beleg (nicht belegt). Eine Studie mit 185 Kindern, von denen 55 bis 24 Monate gestillt wurden, fand keine Unterschiede in der Entwicklung; die lange gestillten Kinder waren mit 24 Monaten im Verhältnis zur Körperlänge etwas leichter, was die Autorinnen als angemessenes Wachstum werten (Hinweis aus einer kleinen Studie) [21].
Ein Thema ist die Zahngesundheit. Eine Metaanalyse und große Kohortenstudien, etwa aus Frankreich mit über 11.000 und aus Japan mit über 69.000 Kindern, finden bei Kindern, die länger als zwölf Monate gestillt werden, häufiger Karies, besonders bei häufigem nächtlichem Stillen [22][23][24][25]. Ob das am Stillen selbst liegt oder an anderen Faktoren, ist offen; es handelt sich um Beobachtungsdaten, also nur Hinweise. Eine kritische Übersicht rät, das Kariesrisiko in der persönlichen Beratung anzusprechen, ohne die Stillempfehlungen infrage zu stellen [23]. Empfohlen wird, ab dem ersten Zahn mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta zu putzen [2]. Sprich das Thema bei deiner Kinderärztin oder Zahnärztin an.
Für Mütter ist Stillen über mehr als zwölf Monate in einer Metaanalyse mit einem geringeren Risiko für Brustkrebs (um etwa ein Viertel) und Eierstockkrebs (um gut ein Drittel) verbunden; für die Knochendichte fand sie keinen eindeutigen Zusammenhang [26]. Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Schutzversprechen. Weitere gesundheitliche Nachteile langen Stillens für Mutter oder Kind sind in den herangezogenen Quellen nicht belegt.
Quellen
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- DGKJ, DGGG, DGHWi u. a. (Koord. Ensenauer R, Abou-Dakn M, Grylka S): S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung, Langfassung, Version 1.0. AWMF-Register Nr. 027-072
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- Nationale Stillkommission (am BfR): Nationale Stillkommission: Weiterhin 4 bis 6 Monate ausschließlich stillen. BfR-Presseinformation Nr. 12/2015 vom 30.04.2015
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Weitere Fragen
Kann man zu viel oder zu lange stillen?
Studien, die einen Schaden durch zu viel oder zu langes Stillen zeigen, gibt es nicht (nicht belegt). Babys regulieren ihre Milchaufnahme an der Brust weitgehend selbst [27][8]. Hast du Schmerzen, fühlst du dich sehr erschöpft oder trinkt dein Baby ständig sehr lange oder sehr oft, frag deine Hebamme oder eine Stillberatung; sie können zum Beispiel das Anlegen prüfen [28].
Darf ich in einer neuen Schwangerschaft weiterstillen?
Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ist Weiterstillen nach den bisherigen Studien meist vereinbar, die Datenlage ist aber uneinheitlich (nur Hinweise) [29][30][31]. Sprich deinen Wunsch mit deiner Frauenärztin oder Hebamme ab.
Zählt Teilstillen auch?
Ja. Die Fachquellen betonen, dass jede Stillzeit zählt, auch wenn du nur teilweise stillst und dein Baby zusätzlich andere Nahrung bekommt [3][2].